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Gesellschaftlicher Wandel – Die Wirtschaft

18 Feb

Ich war gestern beim Frauenforum Salzkammergut in der Spinnstube eingeladen. Wir diskutierten über den gesellschaftlichen Wandel, der ansteht und kamen zu dem Schluss, dass Rahmenbedingungen entscheidend sein werden, ob und wie der Wandel vollzogen wird.

Wandel – welcher ist damit gemeint? Der aktuelle Rahmen dazu ist: der Kapitalismus ist am Ende. Selbst kritische Kreise der Finanzwirtschaft verlauten das bereits. Ökonomen fordern eine Gemeinwohlökonomie, die viel mit matriarchalen Gesellschaftsstrukturen gemein hat, wir in eine Gesellschaft gehen, die Frauen mehr Rechte einräumt und sie in die Art des Wirtschaftens einbindet. Beispielgebend dazu wären die Forderungen von ATTAC. Aber auch Investmentbanker gehen davon aus, dass dieses Finanzsystem zwischen 2012 und 2016 völlig in sich zusammenbricht. Claus Reidl sprach von einer künstlichen Aufrechterhaltung dieser Wirtschaft bis vielleicht 2012, 2013 bei den kommunalen Sommergesprächen bereits im Jahr 2009. Harald Wozniewski, der Autor des Buches “Wie der Nil in der Wüste” rechnet vor, dass eine ausgegebene  Geldmenge M1 automatisch nach 50 bis 70 Jahren aus der Masse abgezogen ist, wenn man den liberalen Wirtschaftskapitalismus lebt. Das heißt, nach spätestens 70 Jahren besitzen Wenige alles und Viele nichts. Wirtschaftshistoriker verweisen ebenfalls darauf, dass in diesen Zeitspannen Blasen auf den Aktienmärkten entstehen, die künstlich hochgeschraubt den Markt zu Fall bringen. Deflationsphase folgt dann auf Hyperinflation, um die überhitzten Finanzmärkte zu entschulden. Die Währungsreform folgt auf den Fuß, zumeist noch begleitet mit einem Kriegsschauplatz, der die marode Industrie (Stahl, Waffen, Technologien) wieder ankurbelt. Solche Phasen gabe es 1873 zur Zeit des Gründercrash, 1929 ab dem Schwarzen Freitag, der ja in die Große Depression von 1930  mündete. Innerhalb solcher Phasen gabe es auch immer kleinere Zusammenbrüche des Finanzsystems, die scheinbar regulierend auf den Markt wirkten, ohne jedoch den großen Zusammenbruch verhindert zu haben.

Wir stehen jetzt an diesem Punkt. Manche Wirtschaftskritiker sagen, die Situation in den USA wäre schlimmer als zu Zeiten der Großen Depression der 1930er Jahre. Beispiel: die Arbeitslosigkeit unter amerikanischen Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 19 Jahren beträgt bereits 74 Prozent, der Durchschnittsamerikaner hat im Grunde nichts mehr, 43 Millionen sind auf Lebensmittelkarten angewiesen,…. Und die Proteste in Nordafrika zeigen das Bild, dass junge, gut ausgebildete Menschen auf der Straße stehen, weil sie keine Arbeit vorfinden. Eine Studienkollegin von mir hat erzählt, auch in Österreich würden in ihrem Fach (Raumplanung/Regionalentwicklung) bereits Arbeiskräfte von Leasingfirmen beziehen, da die Zahl der Bewerbungen für eine Stelle unüberschaubar ist. Man denke auch daran, dass gut ausgebildete Menschen aus Österreich auswandern, weil sie im Ausland (Ärzte nach Skandinavien beispielsweise) bessere Arbeitsbedingungen vorfinden und auch in unserer EU-Welt die Armut wächst. Wer in beispielsweise in der Hartz IV Falle landet, kommt nicht mehr raus – entsteht hier gar eine Subkultur der Hartz IVler?. Auch zu berücksichtigen ist, dass die Jugend in Irland das Land verlässt – sie gehen heute nicht in die USA (wie damals zu Zeiten des Gründercrash viele Europäer dies taten), sondern sie gehen jetzt nach Australien. Und für Japan sind bis 2014 rund 10 Millionen “Freeter” prognostiziert: gut Ausgebildete 15 bis 30-Jährige mit geringen Chancen auf ein normales Arbeits-, Sozial-  und Familienleben. In Mitteleuropa stehen diesen die wachsende Zahl an Arbeitssammlern  und Jobnomaden gegenüber.

Die Wirtschaft scheint am Boden zu sein. Gunter Dueck, Cheftechnologe bei IBM Deutschland, meint in seinem neuen Buch “Aufbrechen”  und ihm Gespräch mit mir, die neuen Märkte lägen in Asien. Die Deutschen würden in einer Phase der Verleugnung stecken, und sich ausruhen, derweil die asiatische Wirtschaft die heimische überholt und ihre Konsumgüter bereits selbst erzeugt. Europa hätte das Potenzial zu einem “Entwicklungsland” zurückzufallen, weil man die Entwicklung in diesem kapitalistischen System nicht sehen will.

Franz Hörmann, der dem Standard im vergangenen Jahr ein Interview mit Folgewirkung dem Standard gab, spricht von einem Währungszusammenbruch des Euro noch in diesem Jahr. Andere kritische Plattformen wie LEAP  sehen den völligen Crash des Dollar voraus und damit das Ende des Systems unserer Versorungswirtschaft generell.

Regionalwährungen und Tauschkreise entstehen gleichzeitig oder werden wiederbelebt . In Deutschland wurde im September 2010 sogar eine Deutschland weite Komplementärwährung eingeführt: der Engel. Deren Teilnehmer wachsen seitdem ständig. Eine solche Zweitwährung wäre imstande, das Aussetzen der staatlichen Währung (Euro, Dollar,…) aufzufangen und die Versorgung der Bevölkerung mit den Alltagsgütern aufrecht zu erhalten. Die Ideen einer natürlichen Wirtschaftsordnung von Silvio Gesell und dem Wörgler Freigeld werden also wieder Spruchreif, ebenso wie die Zins- und Wirtschaftskritik von Bernd Senf.

Alternative Banken wie die Ethikbank oder die Demokratische Bank formen sich. Auch “Islamic Banking”  wird diskutiert, da dieses Zins und Derivatgeschäft nicht kennt. Ein Bankentest, durchgeführt an so genannten “Green Investments” österreichischer Banken, fiel enttäuschend aus. Die Zeitschrift Lebensart veröffentlichte einen solchen Artikel in ihrer Augustausgabe des Vorjahres und zeigte auf, dass herkömmliche österreichische Banken gerne beschönigen um sich mit dem grünen Mascherl einen neuen Markt zu erobern.

Neben Komplementärwährungen geht der Trend also hin zu Tauschsystemen und Banksystemen, die sich demokratisch organisieren bzw. Geld ohne Zinsleistung bereit stellen. Weiters gehen Visionäre davon aus, eine Wirtschaft des Schenkens für möglich zu halten. Vorausgesetzt, man sichert den Alltag. Stichwort Grundeinkommen und geldlose Gesellschaft.

Was auffällt ist, unsere persönliche Vorstellungskraft, was wir für möglich halten, wird entscheidend sein, welches Wirtschaftssystem sich durchsetzen wird. Es hängt also daran, ob und wieviele Menschen an einem egozentrierten, machtorientierten und die Demokratie untergrabenden Kapitalismus festhalten werden um diesen neu zu starten – man spricht schon von Wirtschaftsdiktatur, da diese bessere Entwicklungsmöglichkeiten einem freien Markt zu bieten vermag. Und die aktuelle Entwicklung vor allem in den budgetär schwer angeschlagenen Kommunen zeigt eher das Aufziehen eines neuen Marktes, nämlich jenes der PPP-Modelle – siehe dazu mein Post von gestern!

Es liegt im Vorstellungsvermögen der Masse, ob man eine neue Wirtschaft als Schenkungsökonomie – vielleicht in der Übergangsphase mit Komplementärwährungen – etablieren wird können.

Es liegt in der Wahrnehmung der Masse, sprich in ihrem Orientierungswissen, was diese für wahr und machbar hält, wohin wir wirtschaftlich tendieren. Wenn wir Freude am Kapitalismus und der Befriedigung des eigenen Egos durch Konsum und dem Ausbau der eigenen Machtwünsche haben, dann wird es zum Neustart der Wachstumswirtschaft kommen. Wenn wir uns vorstellen können, basisdemokratisch für die Gemeinschaft zu leben, dann ist eine Schenkungsökonomie möglich. Es liegt an jedem Einzelnen von uns, was sich jetzt durchsetzt.

Gandhi sagte in diesem Zusammenhang: “Sei du Teil der Veränderung, die du dir wünscht!”

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Geschrieben von - Februar 18, 2011 in Wirtschaft, Zukunft

 

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