In Ungarn fließt giftige Schlacke aus einem Sammelbecken der Aluminiumindustrie ins Umland. Kommentar eines Experten dazu in der ZIB gestern Abend: “Das ist eine völlig normale Deponie für Rotschlacken, ansonsten befinden sich diese Betriebe in Küstennähe. Warum? Weil man dann die Schlacken im Meer entsorgen kann.” (Den letzten Satz sagte der Experte etwas leiser und mit gesenktem Blick, als sei er sich der Dimension seiner Aussage bewusst.) Es geht aber noch besser: An den Börsen hat man Geschäfte mit Versicherungspolizzen alter Menschen gemacht. Profit gab es, wenn diese innerhalb eines gewetteten Zeitraumes sterben. Die Deutsche Bank war mit dabei.
Es geht in beiden Fällen doch im Grunde ums Leben. Wir produzieren im Bewusstsein, hochgiftigen Abfall als Nebenprodukt zu erhalten, von dem wir wissen, dass wir damit Lebensraum vernichten, wenn uns der Abfall entkommt. Ähnlich verhält es sich mit der Atomenergie – sauberer Strom und Uranabfall, von dem Deutschland beispielsweise nicht weiß, wohin damit, weil das Zeug über Generationen hinweg strahlt. Und in Ungarn wird jetzt wohl der gesamte Landstrich im Ausmaß von 40 Quadratkilometern unbewohnbar werden. Die Giftstoffe haben bereits die Donau erreicht und bedrohen ein Natura 2000 Gebiet. Österreich verfügt nicht über derartige Alumiumwerke. Nein, es lässt im Ausland fertigen, um hier das Alumium weiter zu verarbeiten. Der TV-Moderator der ZIB2 gestern dazu: “Österreich hat das Umweltproblem einfach ausgelagert.”
Und wenn man dann liest, dass es Börsengeschäfte auf Kosten des Lebens gibt, dann liegt der Schluss nahe, dass der Kapitalismus und seine ihn begleitende Profitgier jetzt endlich die hässliche Fratze zeigt, welche dieser in Wahrheit ist. Denn Geschäfte auf Ableben von Menschen sind genauso ethisch abzulehnen wie die Spekulation auf Ernteausfälle oder bewusste Produktion von Schadstoffen nach dem Motto: Wird schon nix passieren. Die Börsenverluste haben in Wahrheit den stärksten Börsenmonat, den heurigen September, seit 1939 der Wall Street gebracht. Dort, wo der Wohlstand dieser Welt entschieden wird, jongliert man mit Millionenbeträgen und entscheidet damit, wer hungert und wer satt ist, wo Umwelt vergiftet wird und wo sie heil bleibt.
Wir haben den Bezug zu unserem Lebensraum Erde als Folge eines rein mechanischen Weltbildes gänzlich verloren. Wir sind über uns hinaus gewachsen, in dem Glauben, alles beherrschen zu können. Die Natur wird zur Ware, sie wird Rohstofflieferant und soll untertan gemacht werden. Dieses Bezwingen des Lebensraumes (der Natur) entspringt dem anglikanischen Weltbild und hat eine rund 400-jährige Tradition. Mit ihr gemeinsam war es möglich, dass wir auch den Kapitalismus “erfinden” konnten. Diesem Weltbild, das zum Orientierungswissen (=Wertesystem) der westlichen Welt geworden ist, ist zueigen, dass nur jemand, der hart arbeitet, Lohn verdient. Und er muss hart arbeiten, um sich von den Sünden zu erlösen. Die Natur bleibt dabei auf der Strecke, und wird als etwas definiert, dass sich gegen den Menschen wendet. Deswegen sprechen wir von Katastrophen im Zusammenhang mit Natur: Klima-Katastrophe, Natur-Katastrophe, Umwelt-Katastrophe, Flut-Katastrophe usw.
Dass Weltbilder unser Handeln wesentlich beeinflussen, kehrt jetzt langsam ins Bewusstsein der Wissenschaft zurück. Freilich nicht in den Wirtschaftswissenschaften, aber die Sozial- und Kulturwissenschaften stimmen überein, dass Denken und Handeln, Mensch-Umwelt-Beziehungen tief miteinander verwurzelt sind. “…die Auffassung, dass der Mensch als “Krone der Schöpfung” dazu berufen sei, die “wilde” Natur zu zähmen und zu dominieren [zeigt dies deutlich...] Das Christentum vertrat also von Anfang an die Auffassung, dass die Natur dominiert werden müsse.” {siehe Knox, Marston: Natur-Gesellschaft-Technologie. In: Humangeographie. Hrsg.v. Gebhardt, Meusburger, Wastl-Walter. Spektrum: 2008, S.202.}
Übrigens, wer jetzt meint, das wäre polemisch und das Christentum hätte auch Organisationen wie Greenpeace hervorgebracht, der dürfe sich die historische Entwicklung ökologischer Strömungen genauer betrachten. Denn die sogenannten Umweltorganisationen entstammen einer Denke, welche die Natur weiblich interpretiert und “nährende und fürsorgliche Mutter Erde” bezeichnet, und auch mit Kampf gegen das Böse verbunden ist. Diese Wahrnehmung floss dann in H.D.Thoreaus und R.W.Emmersons Philosophie ein, deren Gedankengut später von M. Gandhi übernommen wurde. Heute würde man zu dieser Denkart “New Age” oder “Esoterik” sagen.
Dürfen wir jetzt also davon ausgehen, dass die “Esoteriker”, die sich manchmal als “Krieger des Lichts” bezeichnen, vielleicht doch Recht behalten, wenn sie darauf hinweisen, sorgsamer mit unserem Lebensraum umzugehen? Wenn diese meinen, Geld sei nicht alles und Gold könne man nicht essen – zumindest wenn es sich um Härteres als Blattgold handelt. Und darf dieses Gedankengut nun mehrheitsfähig werden, wenn wir durch Unglücke wie in Ungarn oder dem verwerflichen Handel mit Lebenszeit von Menschen aufmerksam werden, wie hässlich sich liberaler Kapitalismus gebärdet? Oder sitzen wir hier wieder einer (neuen) Ideologie auf, die negative Folgen für Andere, Andersdenkende hervorbringt. Eines ist jedoch sicher. Die Industriegesellschaften haben nicht das Recht, sich Teile dieses Planeten oder gar das Leben anderer anzueignen, indem sie diese zugunsten von Profit zerstören.